Warum Brainstorming nicht funktioniert.
Brainstorming ist eine der am meisten praktizierten Kreativitätsmethoden in der Wirtschaft. Der Grund liegt wohl in der einfachen Durchführung. Es wird in einer Gruppe eine offene Frage gestellt, auf ein Flipchartblatt geschrieben und dann geantwortet, was das Zeug hält, je ausgefallener, desto besser. Einer hält dann das Geschriebene auf dem Papierblatt fest. Eine Regel gibt es: Es ist alles zu vermeiden, was den kreativen Fluss hemmt, wie z. B. Kritik (verbal oder nonverbal), Rückfragen usw. Erst wenn das “Storming” vorbei ist, wird die Liste der Antworten gemeinsam ausgewertet.
So einfach, so gut. Aber warum funktioniert es in der Praxis trotzdem nicht?
Meiner Meinung nach liegt das Geheimnis des Mißerfolgs in Watzlawicks Satz: “Du kannst nicht nicht kommunizieren” in Verbindung mit den drei Stufen der Wahrnehmung:
- Beobachten
- Interpretieren
- Bewerten.
Wir können nicht verhindern, dass wir uns während des Brainstormings gegenseitig wahrnehmen. Und natürlich beobachte ich meinen Chef, interpretiere seine verbale oder nonverbale Kommunikation (gegen die er auch nichts machen kann) und bewerte sie. Beispiel: Ich habe im gemeinsamen Brainstorming eine Idee und äußere sie, der Chef hüstelt. Nun geht alles seinen Gang:
- Ich habe etwas gesagt, der Chef hüstelt (Beobachtung)
- Der Chef hüstelt, weil ich etwas gesagt habe (Interpretation)
- Das gibt Ärger (Bewertung).
Ob der Chef in dem Moment vielleicht nur seinen Kaugummi verschluckt hatte spielt da keine Rolle, er kann halt nicht nicht kommunizieren.
Fazit: Je mehr ein Teilnehmer in einem Brainstorming eigenen Abhängigkeiten von einem anderen Teilnehmer vermutet, desto eher wird er wahrscheinlich die Schere im Kopf aktivieren. Das ist für das Kreativität und Ideenfindung nicht besonders förderlich. Und somit geht die beste Methode in die Knie.
Der Sozialpsychologe Wolfgang Stroebe sieht das ähnlich: “Die Gruppe blockiert mehr als sie hilft, kreativ zu sein.” In einem Gastvortrag an der Universität Zürich hat er die Methode Brainstorming kritisch mit ihren Vor- und Nachteilen beleuchtet.
Kommentare
Kommentar von Peter Speiel
Zeit: 4. April 2006, 22:50
Ja, man kann sich über die Freiheit der Gedanken wohl streiten – vor allem wenn sie geäußert werden sollen. Mit geeigneter Atmosphäre und vertrauenswürdigem Moderator kam aber bislang noch immer eine Ideensammlung zu stande. Und einige Ideen, die auch nicht in ideal freiem Klima gesammelt werden konnten sind immer besser, als gar keine Ideen.
Übrigens: die Verantwortung für die Preisgabe seiner eigenen Ideen hat jeder immer – und das auch in der Situation mit oder ohne Chef. Also gibt es wahrscheinlich die reine Lehre des Brainstorming nie, nicht mal mit mir alleine. Mein innerer Chef will ja vielleicht auch nicht alles sehen…
Kommentar von Stephan
Zeit: 4. April 2006, 22:55
Ich stimme Dir da zu. Zugegeben: Der Titel sollte auch ein bisschen provozieren.
Was Du ansprichst mit “geeigneter Atmosphäre” und “vertrauenswürdigem Moderator” scheint mir wesentlich für das Gelingen jeder kreativen Gruppenmethode zu sein. Eine Kulturfrage vielleicht.
SL
Kommentar von Stefan Sturm
Zeit: 5. Mai 2006, 10:40
Der Chef sollte beim Brainstorming draussen bleiben.
In der Bewertungsphase kann er dann wieder dabei sein…
Wenn diese und andere “Regeln” eingehalten werden ist Brainstorming eine gute Methode.
Wie mache ich ein Brainstorming?
Nachzulesen unter:
http://inhalt.monster.de/9627_de-DE_p1.asp
Gruß aus Hamburg
Stefan
Pingback von ToolBlog » Kreativitätsmethoden
Zeit: 25. September 2006, 17:33
[...] Brainstorming, siehe dazu auch diesen ToolBlogeintrag, [...]
Kommentar von Weekly
Zeit: 3. November 2006, 22:18
Vermutlich werden die Grundregeln des Brainstormings zu selten eingehalten: Keine Rangordnung unter den Teilnehmern, keine Bewertung, alle (auch kurioseste) Einfälle in Massen produzieren.
Sicher mag es sein, daß man sich beim Brainstorming auch behindern kann. Zumindest mehrfache Zweiergespräche könnten allerdings den eigenen Ideenfluss neu beleben.
Mit schriftlichen Kreativitätstechniken wie Methode 6-3-5 kann sowohl die gegenseitige Anregung besser funktionieren, als auch ein auf andere Weise bereichernder Teilnehmerkreis einbezogen werden.
Pingback von Brainstorming funktioniert nicht! Oder doch? » ToolBlog
Zeit: 15. Februar 2012, 08:42
[...] mal wieder derartige kritische Stimmen zu diesem Thema, auch ich habe hier bereits davon berichtet (hier oder [...]









Pingback von JobBlog – on the job. near the job. off the job. » Marcel Widmer » Brainstorming (2)
Zeit: 4. April 2006, 20:50
[...] Stephan List greift das Thema Brainstorming ebenfalls auf. Und kommt zum Schluss, dass es in der Gruppe nicht funktionieren kann: Warum Brainstorming nicht funktioniert. Fazit: Je mehr ein Teilnehmer in einem Brainstorming eigenen Abhängigkeiten von einem anderen Teilnehmer vermutet, desto eher wird er wahrscheinlich die Schere im Kopf aktivieren. Das ist für das Kreativität und Ideenfindung nicht besonders förderlich. Und somit geht die beste Methode in die Knie. [...]